„Mal- und Gestaltungstherapie mit an Hirntumor
erkrankten Kindern und Jugendlichen“
Beschreibung des Arbeitsfeldes von
Universitätsklinik
für Kinder- und Jugendheilkunde
Neuroonkologische Station
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien
Tel: 01 40400 3175
Anfangs
ist Manuel (Name geändert), 5 Jahre, sehr verschlossen und schüchtern. Einige
Versuche ihn zum Malen zu animieren, gelingen nur für kurze Zeit, dann zieht er
sich wieder zurück. Bald jedoch ist ein Spiel mit einer Handpuppe möglich –
Manuel hat viel Ärger und Wut in sich, die er in dem Spiel gut ausdrücken kann.
Die Tage und Wochen
der chemo- und strahlentherapeutischen Behandlung, die er im AKH verbringen
muss, sind für die Mutter und für ihn sehr anstrengend. Er hält es im Krankenhaus
nicht mehr aus, die Wochenenden daheim sind zu kurz und im AKH nerven ihn Ärzte
und Schwestern mit Medikamenteneinnahme, Blutabnahmen, Untersuchungen, dem
Essenszwang usw. Zwischen ihm und seiner Mutter entsteht immer wieder ein
Machtkampf. Er verweigert, sie droht.
Ich frage ihn, ob es
etwas gäbe, auf das er sehr wütend oder verärgert sei. Darauf hin antwortet er
mir: „Ja, die Mama.“ Ich fordere ihn auf ein Feuer zu malen. Er beginnt mit
verschiedenen Linien am unteren Blattrand, die sich gegenseitig stützen und
einsperren. Das Feuer bekommt alle
Farben und er malt es in Form von Linien, die miteinander kämpfen, die sich
gegenseitig einsperren. Er definiert immer wieder eine Farbe, die nun stärker
sei, als eine andere, und diese daher unterdrücke. Malt Schranken und Grenzen.
Manuel malt über Wochen an seinem Thema „Feuer“ in den verschiedensten
Variationen. Für sein letztes Feuer benötigen wir 6 aneinander geklebte
Papierblätter.
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„Feuer“ von Manuel
Die Belastungen von
Kindern und Jugendlichen, die an einem Hirntumor erkranken, variieren stark je
nach ihrem Alter und Entwicklungsstand. Entscheidend für die Bewältigung der
Belastungsauswirkungen sind das bisher verfügbare
Verhaltensrepertoire. Bilder können helfen eine schwerwiegende Problemsituation
zu bewältigen.
Ihre Themen sind
Kampf- und Gefahrensituationen, Symbole für Wandlung und Wachstum, sowie
Symbole der Freude und der Trauer, der Nähe und der Trennung. Die Empfindungen
der Heranwachsenden sind vielschichtig. Es ist ein „Auf und Ab der
Gefühlszustände“ das sie prägt.
Sonja, 16 Jahre,
zeichnet eine Seilbahn. Die Stationen nennt sie: „Talstation“, hier befindet
sie sich körperlich und emotional während einer Chemotherapie. Die
„Mittelstation“ ist für sie die Zeit vor der Therapie, die Vorahnung dessen wie
es sein wird und rechts oben die „Bergstation“, hier befindet sie sich
emotional wenn sie die Chemotherapie hinter sich gebracht hat und wieder für
einige zeit zuhause sein kann.
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„Seilbahn“ von Sonja
Der Schock der
Diagnose, die Angst vor der Behandlung, die Ungewissheit des Erfolgs, der
Spannungsanstieg im familiären Umfeld, die Trennung der gewohnten Umgebung, die
extreme Bedrohung durch die Krankenhauswelt, die zu erwartende Verletzung der
körperlichen Integrität – all dies steht gleichzeitig neben der Anforderung an
den Patienten sich der Situation anzupassen, die Krankheit anzunehmen, die
Ungewissheit zu akzeptieren, sich einem oftmals veränderten Körperbild zu
stellen, die Eigenressourcen zu recherchieren und neue Perspektiven zu
entwerfen.
Hirntumore sind die zweithäufigste Krebsform im Kindesalter.
Für ihre Prognose
der Krankheitsverlaufes ist die Lokalisierung des
Tumors von großer Bedeutung. Neben dem gut- oder bösartigen Charakter des
Tumorgewebes hat auch die Lage des Tumors im Gehirn eine große Bedeutung für
die Behandlungsmöglichkeiten.
Grundsätzlich gibt es drei medizinische Behandlungsformen: Die Operation (OP), die
Strahlentherapie (RTX) und die Chemotherapie (Chemo).
Im Verlauf einer Hirntumorerkrankung ist ein Kind
einer Vielzahl von physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt, die
es zu bewältigen hat:
Die MGT dient den Kindern und Jugendlichen, parallel
zur medizinischen Behandlung, als Möglichkeit psychischer Entlastung - als Ventil. Der geschützte Raum und Rahmen der Therapie ist die Voraussetzung um
die täglichen Konflikte und Krisen zu bewältigen, um die Krankheit zu
verarbeiten.
Seit Anfang 2000 arbeite ich mit diesen Kindern und Jugendlichen
vorwiegend während ihrer stationären Krankenhausaufenthalte. Diese haben eine
Dauer von 6 Monaten bis zu 2, 3 Jahren, je nach Krankheitsverlauf. Manchmal
begleite ich die Kinder bis zu ihrem Tod.
Die Therapiestunden (meist Einzelstunden) finden entweder
im Zimmer der Kinder, in der Schulklasse, im Spielzimmer oder im
PsychologInnen-Zimmer statt. Bevor ich mit einer Therapie beginne, kläre ich
mit den Krankenschwestern die medizinisch-pflegerische Situation des Kindes ab,
um zu wissen, ob es während der Stunde einen Unterbrechungs- oder Störfaktor gibt (Blutabnahme, Infusion,
Blutdruckmessen usw.) oder nicht. Das Schaffen eines adäquaten therapeutischen
Rahmens ist in einem Krankenhaus nicht selbstverständlich – er muss geschaffen werden.
Im Durchschnitt dauern die Therapien eine bis
eineinhalb Stunden (60-90 min.) und das dreimal pro Woche.
Kontinuität in der Beziehung zu den Kindern und
somit auch in der Therapie ist ein essentielles Kriterium meiner
therapeutischen Arbeit. Dem Kind durch kontinuierlichen Kontakt, klare
Abmachungen und strukturierte Rahmenbedingungen der Therapiestunden, Sicherheit
und Vertrauen zu geben.
Mit der Zeit hat es sich als therapeutisch optimierend erwiesen, die Kinder
zusätzlich tageweise nachzubetreuen, ihre Geschwister in das Therapieangebot
einzugliedern und mobile Mal- und Gestaltungstherapie anzubieten.
Als
Therapeutin habe ich durch diese Arbeit viele Facetten des Lebens dieser
erkrankten Kinder und ihrer Familien, sowie meine eigenen Möglichkeiten und
Grenzen, kennen gelernt. Oftmals befindet sich die ganze Familie in einer
Ausnahmesituation und die erlebte Ohnmacht und Sprachlosigkeit überträgt sich
auf uns Therapeuten. Was gibt es noch zu sagen, wenn eine Mutter vor dem Bett
ihres sterbenden Kindes sitzt? Plötzlich verliert so vieles an Bedeutung und
man erfährt neue bedeutsame Dinge des Lebens.
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Sozialpädagogin, Mal- und
Gestaltungstherapeutin (MGT-Wien)